| 3 Bauwirtschaft und Wissensmanagement |
|
Der Faktor Wissen hat immer schon eine wichtige Rolle in den einzelnen Wirtschaftszweigen
gespielt. Warum aber wird das Organisieren von Wissen heute immer wichtiger für
den Unternehmenserfolg? Welche besonderen Herausforderungen werden an das Management
durch das Wissensmanagement in Unternehmen des Wirtschaftszweiges Bauwirtschaft
gestellt? Als Ausgangspunkt der Betrachtung wird zunächst die Bauwirtschaft
charakterisiert. Darauf folgt die Klassifizierung der Begriffe Daten, Information
und Wissen und die Zielbestimmung von Wissensmanagement in der Bauwirtschaft.
Dann wird der Erfolgsfaktor Wissen und seine Notwendigkeit für das Überleben
der Bauwirtschaft und insbesondere der Bauunternehmen näher betrachtet. Aus
einer Bestandsaufnahme der bereits vorhandenen Wissensnutzer und -träger
leitet sich der Handlungsbedarf in bezug auf Wissensmanagement ab. Ebenso werden
der Prozess der Wissensschaffung und ein mögliches Kreislaufmodell des Wissensmanagements
beschrieben. 3.1 Unternehmen der Bauwirtschaft Als Bauwirtschaft wird der Teilbereich einer Volkswirtschaft bezeichnet, der sich mit der Errichtung, Erhaltung und Nutzung von Bauwerken sowie mit der Anpassung und Veränderung von Bauwerksbeständen durch Bautätigkeit befasst. Der Anteil der Bruttowertschöpfung der westdeutschen Bauwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt schwankt seit 1990 zwischen 5,4 und 5,1 %. Der Wirtschaftszweig Baugewerbe hatte 1993 rund 24.500 Unternehmen, 1.169.000 Beschäftigte und einen Umsatz von 202 Mrd. DM (vgl. Rußig u.a. 1996, S.11 f.). Die Bauwirtschaft charakterisiert sich durch die Merkmale:
Die Bauunternehmen sind Partner in den verschiedenen Beschaffungsmärkten, etwa dem Arbeitsmarkt, dem Baustoffmarkt, dem Baumaschinenmarkt sowie den Finanzmarkt. Der Absatzmarkt der Bauunternehmen wird stark durch die ausgeprägte Auftraggeberbindung, bedingt aus der Einzelfertigung, beeinflusst. Auf den Beschaffungsmärkten hat die Bauunternehmung einen weiteren Entscheidungsspielraum als in den Absatzmärkten. Der Bauunternehmung kommt eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung zu, da sie eine Schlüsselrolle als Verknüpfungsstelle zwischen Beschaffungsmärkten und Absatzmärkten darstellt. Die Verknüpfung zeigt sich besonders im hohen Anteil der Vorleistungen anderer Unternehmen, die in der Bauwirtschaft benötigt werden (Seeling 1995, S.1 f. und Hoffmann 1996, S.151 f.). Zu den Unternehmen der Bauwirtschaft [2] zählen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Diese KMU werden i.d.R. von den Inhabern geführt. Des Weiteren gibt es Großunternehmen (GU [3]), die zu meist in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft geführt werden. Bei beiden Gruppen wandelt sich der Produktionsschwerpunkt vom Produktionsbereich hin zum Dienstleistungsbereich. D.h. bis zu 90% der Leistung werden von Nachunternehmern [4] eingekauft und durch Ingenieure und Kaufleute des Hauptunternehmers koordiniert und kontrolliert. Es stehen somit die dispositiven Produktionsfaktoren immer stärker im Vordergrund der erwerbswirtschaftlichen Tätigkeit. Es zeigt sich, dass bei der Betrachtung in bezug auf Wissensmanagement eine
Unterteilung in zwei Fallgruppen nicht notwendig ist. Die gewonnenen Erkenntnisse
können sowohl in der Fallgruppe GU als auch in der Fallgruppe KMU ihre Anwendung
finden. Die notwendigen Anpassungen sind i.d.R. nicht Fallgruppen bedingt sondern
werden durch die jeweilige Unternehmenskultur beeinflusst. 3.2 Grundlagen des Wissensmanagements Können die Begriffe Daten, Informationen und Wissen miteinander gleichgesetzt werden? Wie ist ihre Beziehung zu einander zu verstehen? Es gilt zunächst diese Fragen zu diskutieren, um zu klären, was durch Wissensmanagement überhaupt organisiert werden soll. Des Weiteren gilt es, das Ziel der Aktivitäten um das betriebliche Wissensmanagement in der Bauwirtschaft zu bestimmen. Für die Begriffe Daten, Information und Wissen finden sich in der Literatur viele Definitionen und Klassifikationen, die sich letztlich einer allgemein gültigen Ordnung oder Festlegung entziehen und für die sich auch keine einheitliche Auffassung durchgesetzt hat (Lehner 2000, S.139). Hinsichtlich der Abgrenzung der Begriffe greift Lehner auf die Ausführungen von Watson zurück. Watson schlägt vor, als Daten die noch nicht analysierten Fakten zu bezeichnen. Aus diesen Daten entstehen Informationen durch entsprechende Verarbeitung. Wissen schließlich wird erklärt als die Fähigkeit, die Informationen zu nutzen (Lehner 2000, S.122 f.). Werner hingegen beschreibt Information als Wissen und als Kommunikationsprozess. Wissen wird definiert als Kenntnis über Zustände und Ereignisse in der realen Welt. Der Kommunikationsprozess vermittelt eine Auskunft oder Mitteilung zur Aufklärung, Beschreibung oder Unterrichtung gegenüber einem Dritten. Daten sind Informationen, die in Systemen verarbeitet werden und nach eindeutigen Vorschriften verarbeitungsgerecht formuliert sind (vgl. Schneider/Werner 2000, S.25 und 64). Im hier betrachteten Kontext ist der Begriff Wissen, als eine Form der Verschmelzung der Begriffe Information und Wissen in bezug auf Zweckorientierung und betriebliche Anwendbarkeit anzusehen ist. Wissen [5] gilt als Verbindungsglied zur realen Welt, d.h. insbesondere zu anderen Wissensträgern. Unter Wissen soll ebenso die Fähigkeit von Personen verstanden werden, Informationen zu verstehen und zu bewerten. Um der Aufgabenstellung, Wissen zu sammeln, zu speichern und zu verarbeiten gerecht zu werden, muss die Information durch eine verarbeitungsgerechte Formulierung in Form von Daten in Computersystemen abgelegt werden. Die Begriffe Information und Wissen werden in der weiteren Ausführung synonym verwendet, soweit keine Trennung aus dem Sachverhalt heraus notwendig ist, da der Prozess des Wandels von Wissen zur Information mit Unterstützung von Softwaresystemen betrachtet werden soll. Die somit praxisrelevanten Beziehungen der einzelnen Begriffe zueinander werden in der Abbildung 1 (in Anlehnung an Lehner 2000, S.123) dargestellt.
Zur Verdeutlichung der Begriffe soll folgendes Beispiel dienen: Das elektronisch gespeicherte Leistungsverzeichnis eines Bauwerkes (Daten) wird von einem Bauunternehmen mit Preisen versehen. Der Vorgang der Preisgestaltung bedingt in der Bauunternehmen die Bewertung der Daten durch das Wissen des Kalkulators. Dieses Wissen kann beim Kalkulator als Person und/oder über eine Anfrage an Dritte, z.B. Nachunternehmer, vorhanden sein. Mit den nun vorliegenden Informationen (Kosten der Leistungspositionen) und seinem Wissen, z.B. über die derzeitigen Bedingungen am Absatz- und Beschaffungsmarkt, kann der Bauunternehmer die Entscheidung über den Preis der jeweiligen Position treffen. Das mit Preisen ausgezeichnete Leistungsverzeichnis wird dann in Form von Daten dem Kunden zur Verfügung gestellt. Somit wurde internes und externes Wissen durch Kommunikation [6] zur Information, die wiederum als Daten gespeichert und verarbeitet werden kann. Ziel ist, die produktive Kraft von Wissen in Bauunternehmen erfolgreich zu
nutzen. Dabei zählt nicht die Menge des geschaffenen Wissens bzw. der vorhandenen
Informationen, sondern die bedarfsgerechte Verfügbarkeit von qualifizierten
Wissensinhalten zur richtigen Zeit und am richtigen Ort in verständlicher
Sprache. Es sollte erreicht werden, dass Wissen unabhängig von seiner Quelle
(Wissensträgern) dem Bauunternehmen (Wissenssammler und -speicher) zur Verfügung
steht. In vielen konventionellen Unternehmenskulturen werden Wissen und Information
als Machtfaktor verstanden. Die richtige Information wird so durch sporadische,
lückenhafte Weitergabe, ungenaue Zielformulierung und ungenügende Zieltransparenz
zu einem Zufallsprodukt (Mandel/Reinmann-Rothmeier 2000, S.163). Dieser Zufallsprozess
ist durch einen zielgesteuerten, rationalen Informationsfluss zu ersetzen. Wissen
soll sich vom Machtfaktor zum Erfolgsfaktor eines Unternehmens wandeln und somit
zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauwirtschaft und
der einzelnen Bauunternehmen beitragen. 3.3 Wissensmanagement als Erfolgsfaktor in der Bauwirtschaft In diesem Abschnitt wird ermittelt, welche Arten von Wissen, wo, in welchem Umfang und mit welcher Aktualität für den Erfolg eines Bauunternehmens notwendig sind. Durch den steigenden Anteil immaterieller Leistungsbestandteile (Dienstleistung) und den zunehmend Grad an Integration des Kunden (Absatzmarkt) und der Lieferanten (Beschaffungsmarkt) in den zeitlich kürzer werdenden Produktionsprozess müssen Bauunternehmen mit dem Faktor Wissen anders als bisher umgehen. Der Inhalt des Wissensmanagements ergibt sich aus der strategischen Ausrichtung der Bauunternehmung. Somit können der Bedarf an Wissen, dessen Inhalt und die Organisation von Wissen von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich sein. Grundsätzlich ist jedoch festzuhalten, dass Wissen über Absatzmarkt, Beschaffungsmärkte und die Wertschöpfungskette der eigenen Bauunternehmung und der Mitbewerber vom Management jeder Bauunternehmung zur erfolgreichen Unternehmensführung benötigt wird, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens am Markt zu sichern. Im Bereich des Absatzmarktes müssen frühzeitig Marktveränderungen erkannt und geeignete Maßnahmen zur Anpassung an bleibende Veränderungen initiiert werden. Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Nachunternehmern ist bereits in der Angebotsphase zu prüfen und ggf. vertraglich zu fixieren. Die eigene Kernkompetenz ist laufend zu verbessern und eine Minimierung der Prozesskosten anzustreben. Dies sind Beispiele für den steigenden Wissensbedarf der Bauwirtschaft bzw. von Bauunternehmen. Der Umfang der benötigten Informationen hängt von der jeweiligen Aufgabenstellung ab. Je mehr Wissen zur Lösung einer Aufgabe benötigt wird, um so höhere Anforderungen werden auch an das Managen von internem und externem Wissen gestellt. Für die Aktualität des Wissens ist der Zeitraum, der zur Wissensbeschaffung zur Verfügung steht, ausschlaggebend. Ein systemgestütztes Wissensmanagement in der Bauwirtschaft soll somit
sicherstellen, dass der richtige qualitative und quantitative Inhalt (Wissen)
am richtigen Ort (Wissensnachfrager) im notwendigen Umfang (Deckung des notwendigen
Wissensbedarfs) zur richtigen Zeit mit bestmöglicher Aktualität vorhanden
ist. 3.4 Wissensträger, Wissensnutzer und Wissensbedarf Wie bereits erwähnt, hat der Faktor Wissen schon immer eine wesentliche Rolle im Wirtschaftsleben und auch in der Bauwirtschaft gespielt. Der wesentliche Fortschritt von Wissensmanagement besteht darin, dass der Gebrauch von Wissen bewusst gemacht und gezielt gesteuert wird. Ausgangspunkt ist es daher, Wissensinhalte, über die das Bauunternehmen bereits verfügt, zu orten und ihre Nutzung festzustellen. Um den Gebrauch von Wissen in Bauunternehmen identifizieren zu können, bedarf es der Analyse von möglichen Wissensquellen und Wissensnutzern. Als Wissensquellen werden alle Träger von unternehmensrelevantem Wissen verstanden. Es könne zwei Gruppen klassifiziert werden. Die eine Gruppe steht für vorhandenes internes Wissen, das bereits genutzt wird oder das aktiviert werden kann. Die andere Gruppe steht für Wissen, das extern vorhanden ist. In beiden Gruppen kann der Wissensträger nicht nur menschlicher Natur sein, sondern kann ebenso in Form von technologischem Wissen (Daten) auftreten, z.B. in Data Warehouses oder Expertensystemen. Die Nutzer der internen und externen Wissensquellen werden als Wissensnutzer bezeichnet. Sie nutzen eigenes und fremdes Wissen um die zugeteilte Aufgabe in der Bauunternehmung bestmöglich zu bewältigen. Aus dieser ersten Analyse kann bereits erkannt werden, dass Wissensträger und Wissensnutzer als Person nicht zu trennen sind. Der Mitarbeiter in einer Bauunternehmung ist sowohl Träger von Wissen als auch Nutzer von Wissen.
Als Ergebnis einer Analyse der Wissensträger und –nutzer einer Unternehmung kann eine sog. „Wissenslandkarte“ aufgestellt werden, die einerseits die Träger des verfügbaren Wissens aufzeigt, andererseits die Nutzer von Wissen beschreibt und dabei hilft, Auskunft darüber zu erhalten, welche der Wissensbedarfe nichtausreichend abgedeckt sind (Hasenkamp/Roßbach 1998, S.956 f.). Die Abbildung 2 zeigt eine mögliche Darstellungsform einer Wissenslandkarte im Kontext der Bauwirtschaft (nach Lehner 2000, S.275). Aus dieser Wissenslandkarte kann erkannt werden, in welchen Bereichen Maßnahmen zur Bedarfsdeckung im Bereich des Wissensmanagements notwendig sind. Daraus ergeben sich die Anforderungskriterien an das Wissensmanagementsystem. Beispielsweise kann das Wissen des Kalkulators in der Kalkulationsphase über
den Beschaffungsmarkt für Betonstahl nicht ausreichend für eine kostendeckende
Kalkulation sein. Abgeleitet werden kann dieser Wissensbedarf aus der Wissenslandkarte
durch den Vergleich zwischen dem betrieblich vorgegebenen Deckungsgrades an Wissensinhalten
bezogen auf eine Wissenskategorie (weißes Feld) und dem ermittelten vorhanden
Wissen (schwarzes Feld). Es gilt somit die Weitergabe dieses Wissens zwischen
dem Kalkulator als Wissensnutzer (Bedarf an Wissen) und dem Einkäufer als
Wissensträger zu organisieren, um ein wirtschaftlich sinnvolles Angebot erarbeiten
zu können. 3.5 Prozess der Wissensschaffung Ein erkannter Bedarf an Wissen ist durch den Prozess der Wissensschaffung langfristig zu decken. Unter den Begriff der Wissensschaffung werden die Verben schaffen, erhalten und weitergeben von Wissen subsumiert. Im Mittelpunkt dieser Theorie steht der Mitarbeiter (Mensch) als Wissensträger, Wissenserzeuger und Wissensnutzer. Die Wissensschaffung kann als ein Spiralprozess beschrieben werden, der ausgehend vom Individuum über Gruppe und Unternehmen bis hin zum Wirtschaftszweig immer mehr Interaktionsgemeinschaften erfasst. Dieser Prozess der Wissensschaffung wird kurz erläutert (vgl. dazu Nonaka/Takeuchi 1997, S.99 f. sowie Lehner 2000, S. 235 f.). Der Prozess der Wissensschaffung beginnt mit dem Austausch von implizitem Wissen. Der Austausch von impliziertem Wissen zwischen den einzelnen Mitarbeitern mitverschiedenen Neigungen, Ausbildungen, Motivationen und Perspektiven kann nur durch Kommunikation erfolgen. Es gilt somit, die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander zielgerichtet zu fördern. Der Raum für diese Förderung ist das Interaktionsfeld, wozu autonome Teams oder Mentorenmodelle gehören. Dieser Erfahrungsaustausch wird auch als Sozialisation verstanden. In der zweiten Phase wird impliziertes Wissen in expliziertes Wissen [7] transformiert. Das implizierte Wissen wird in der Form von Metaphern, Modellen, Konzepten usw. externalisiert. Diese Phase ist für das Wissensmanagement der Bauunternehmung besonders wichtig, da erst durch diese Umwandlung das gesamte Unternehmen über das neue Wissen [8] verfügen kann und somit für die Unternehmensziele einsetzbar ist. Das neu geschaffene Wissen muss sich in der nächsten Phase einer Zielkontrolle unterwerfen. Dieser Ausleseprozess soll sicherstellen, dass das neue Wissen in Form eines Konzeptes erklärbar (Sprache) ist und somit einen Wert für die Bauunternehmung darstellt. Zu den üblichen Überprüfungskriterien gehören Kosten, Deckungsbeitrag und potenzieller Beitrag zum Unternehmenswachstum. Die Erklärungskriterien werden im wesentlichen von der Unternehmensführung in Form von Strategien ausgegeben. In der vierten Phase wird das erklärte Konzept in etwas Fachliches, z.B. ein Modell, verwandelt. Dieser Archetyp geht aus der Kombination von neu Geschaffenem explizitem mit vorhandenem explizitem Wissen hervor. Unterstützt wird diese Form der Wissensumwandlung durch Hilfsmittel wie Computer, Netzwerke und Kommunikationsmittel. In der letzten Phase tritt das Wissen, das geschaffen, erklärt und in ein Modell umgesetzt worden ist, auf einer anderen Ebene in einen neuen Prozess der Wissensschaffung ein. Der beschriebene Prozess der Wissensschaffung ist nicht linear und interaktiv. Die ersten vier Phasen beschreiben eine horizontale Bewegung, in der fünften Ebene erfolgt die vertikale Ausrichtung.
Die Wissensschaffung stellt somit einen beständigen, spiralförmigen
und fortschreitenden Prozess dar (Abbildung 3 nach Nonaka/Takeuchi 1997, S.87),
der sich sowohl innerhalb von Unternehmen, zwischen zwei oder mehreren Bauunternehmen
als auch in der Bauwirtschaft als Ganzes vollziehen kann. Dieser Prozess ist in
allen Wirtschaftzweigen gleich. Die Bauwirtschaft zeigt diesbezüglich keine
wesentlichen eigenständigen Merkmale auf, da der Prozess maßgeblich
von Menschen und Unternehmenskulturen beeinflusst wird. Die praktische Bedeutung
dieser Theorie zeigt sich im Umsetzungskonzept für das Wissensmanagement.
3.6 Modellansatz für das Wissensmanagement in der Bauwirtschaft Die Entwicklung eines Modells für das betriebliche Wissensmanagement in der Bauwirtschaft muss mehrere Dimensionen aufweisen. Einerseits sind die personellen und organisatorischen Voraussetzungen für ein effektives Wissensmanagement zu schaffen, und anderseits müssen Entscheidungen hinsichtlich der einzusetzenden Informationssysteme und deren Ausgestaltung zur Unterstützung des Wissensmanagements gefällt werden. Das Konzept sollte sich an klassischen Zielsetzungen der Betriebswirtschaft anlehnen. Diese Anlehnung ist wichtig, um den Prozess des Wandels schneller und effektiver vollziehen zu können ( Hasenkamp/Roßbach 1998, S.959 und Lehner 2000, S.231). Hier soll zunächst ein allgemein gültiges Grundmodell vorgestellt und das Zusammenwirken der bisher betrachteten Elemente veranschaulicht werden. Eine erste wichtige Aktivität zur unternehmensweiten Nutzbarmachung von Wissen ist die Wissensaufbereitung. Hier wird das interne und externe Wissen (z.B. Verfahrensanweisungen und Checklisten) aus der Aktivität Wissensidentifikation, also dem Erkennen und Verstehen von verfügbarem Wissen, in die benötigte Form transformiert. Mit der Wissensentwicklung entsteht neues Wissen im Unternehmen. Dessen Schaffung erfolgt i.d.R. auf der Basis des bereits vorhandenen Wissens, indem dieses erweitert oder neu kombiniert wird. Die Wissensteilung bzw. Wissensverteilung ist für die bedarfsgerechte Verfügbarmachung der für die einzelnen Aufgaben in der Bauunternehmung relevanten Wissensinhalte verantwortlich. Darauf folgt die produktive Nutzung des Wissens zur Steigerung der eigenen Wertschöpfung. Die Aktivitäten Wissensaufbereitung, Wissensentwicklung, Wissens(ver)teilung und Wissensnutzung nehmen in den verschiedenen Formen der Teamarbeit in einer Unternehmung gestalt an. Die dargestellten Elemente stehen keineswegs isoliert nebeneinander, sondern weisen eine enge Verbindung untereinander auf. Zusammenfassend können die einzelnen Aktivitäten als Wissensschaffung bezeichnet werden. Das gewonnen Wissen muss in der Unternehmung aufbewahrt werden. Diese Speicherung des Wissens ist notwendig, um einerseits eine kollektive Verfügbarkeit des Wissens zu gewährleisten und um anderseits das Unternehmen vor Wissensverlust zu schützen. Darüber hinaus ist das gesammelte Wissen danach zu bewerten, ob es zum einem den Zielvorstellungen der Unternehmung entspricht und zum anderen bewahrungswürdig ist oder nutzlos. Das geschaffene, erklärte, fachliche und nutzbringende Wissen ist in Form von Daten zu speichern, um wiederum in einem neuen Prozess als internes Wissen genutzt zu werden. Die Elemente Wissensidentifikation, Wissensbewahrung und Wissensspeicherung werden durch den Oberbegriff Wissensmanagement zusammengefasst. Die Elemente Wissensziel und Wissensbewertung werden in der Unternehmung dem strategischen Aufgabenumfeld zu ordnen. Zusammenfassend lasst sich dieser Modellansatz in einem erweiterten Kreislaufmodell [9] darstellen:
Beispiel: Ein Bauunternehmen erhielt einen Auftrag zur Erstellung eines Hochhauses. Unternehmensziel war die Herstellung der geschuldeten Leistung zu der vom Kunden gewünschten Qualität und Nutzdeckung in der vertraglich zugesicherten Zeit mit einem maximalen Deckungsbeitrag. Das hierfür notwendige Wissen war zum Teil im Unternehmen (intern), z.B. in elektronisch gespeicherten Verfahrensanweisungen (QM-Management), in handschriftlichen Checklisten, den Köpfen der beschäftigten Ingenieure und Kaufleute usw. vorhanden. Ebenso konnte das Bauunternehmen Wissen von externen Quellen, wie DIN-Vorschriften, elektronischen Nachschlagewerken, Fachingenieuren usw. erwerben. Der Auftrag beinhaltete jedoch die Erstellung einer Aluminiumfassade, die vom Unternehmen bisher noch nicht gebaut worden war. So stand das Bauunternehmen vor der Aufgabe, das hierfür notwendige Wissen aus dem aufbereitetem vorhandenem Wissen selbst zu entwickeln. Diese Wissensschaffung vollzog sich in einem Projektteam, das sich aus Arbeitsvorbereitern, Bauleitern, Baukaufleuten, Statikern und aus Mitarbeitern des Nachunternehmers für das Gewerk Aluminiumfassade zusammensetzte. Dieses Team war bereits in der Phase der Angebotsbearbeitung, bei einem gemeinsamen Wochenende, eng mit der Aufgabe vertraut gemacht worden. Durch die Aktivitäten Aufbereitung, Entwicklung und Teilung von Wissen zwischen dem Hauptunternehmer und dem Nachunternehmer wurde eine Lösung herausgearbeitet, die technisch umsetzbar und betriebswirtschaftlich günstig war. Die Nutzung dieses Wissens bereits in der Angebotsphase unterstützte das Bauunternehmen beim Hereinholen des Auftrages. Die notwendige weitere Entwicklung der gefundenen Lösung bis zur Ausführungsreife und die Ausführung selbst erfolgte durch das bereits vorhandene Team, ergänzt um andere Beteiligte (Trainees und Fachplaner) in zuerst zweitägigen und zuletzt wöchentlichen Teamsitzungen auf der Baustelle. Die gefundene Lösung und der dadurch erreichte wirtschaftliche Erfolg des Objektes führten dazu, dass die beiden Unternehmen seitdem häufiger miteinander bereits in der Angebotsphase zusammenarbeiten und das gewonnene Wissen über die Methode der Lösungssuche und -ausführung in der Bauunternehmung in Form von Daten (Verfahrensanweisung und Checklisten) gespeichert wurden.
|